Arbeitszeugnis für den Arbeitgeber

Wenn das Arbeitszeugnis mehr sagt,
als es sagen wollte …

Zu meinem Artikel über die Formulierungen in Arbeitszeugnissen eine kleine Anmerkung, die ich gerade im Bekanntenkreis erlebt habe …

„Man kann nicht nicht kommunizieren!“ sagte der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick und damit hat er gar nicht mal so unrecht, denn selbst wenn man nichts sagen will, sagt das Schweigen doch viel mehr aus, als man eigentlich sagen wollte.

Es ist mittlerweile, vor allem bei kleineren, oder unbekannteren Firmen Usus, eine kurze Unternehmensbeschreibung in die Arbeitszeugnisse zu integrieren, damit erhalten künftige Arbeitgeber gleich einen (guten) Eindruck vom ehemaligen Arbeitgeber . Mittlerweile gibt es auch Unternehmen, die diese paar Zeilen als eine Art Werbebotschaft verstehen, nun gut, jeder so, wie er es möchte …

Allerbeste Referenzen

Zu unserer vollste Zufriedenheit
hat er sich stets bemüht …

Nein, ich will hier keine Interpretationslisten gängiger Floskeln und Codes aus Arbeitszeugnissen anbieten – das findet jeder selbst binnen 15 Sekunden via Suchmaschine der persönlichen Wahl.
Ich will mich auch nicht über Sinn und Unsinn solcher Floskeln auslassen, auch wenn ich als studierter Sprachwissenschaftler bei der “vollsten Zufriedenheit” an das 25-Liter-Fass denken muss, dass mit 50 Litern gefüllt werden soll …
Es gibt im Deutschen keine Steigerung von voll – voller als voll läuft über und für alles weitere empfehle ich die einschlägigen Kommentare diverser Zeitungen, Magazine und Blog – bitte hierfür ebenfalls Google bemühen.

Ich stelle mir eher die Frage, wie passen die Euphemismen zur Wahrheitspflicht?
Natürlich muss das Arbeitszeugnis wohlwollend sein, was ist aber mit einem notorischen Büromittelklauer, der wegen der 20 Pakete Kopierpapier dann endgültig rausgeworfen wurde – darf das unerwähnt bleiben? Der neue Chef wird sich bedanken! Aber zum Glück lässt sich das ja verschönert ausdrücken.
“Er hat ein ganz eigenes Verständnis von Eigentum”

Und während sich vor allem die Chefs kleinerer deutscher Unternehmen (denn die haben oft keine eigene Personalabteilung, die dann auch besonders in Arbeitszeugniscodierung geschult ist) durch verschiedene Leitfäden hangeln, oder den Mitarbeiter sein Zeugnis gleich selbst schreiben lassen*, ist man in der Schweiz weiter, bzw. hat es gar nicht so weit kommen lassen.
In den Augen eines Schweizer Arbeitgebers bin ich ein “belastbarer und zuverlässiger Mitarbeiter“ – nach der üblichen Code-Leseweise irgendwie durchgefallen, doch die Schweiz ist nun mal die Schweiz. Für Mitarbeiter aus dem deutschen Ausland gibt es unter dem Arbeitszeugnis meist folgenden oder ähnlichen Satz: “Wir bekennen uns zu uncodierten Zeugnissen.” Und damit relativiert sich das Ganze wieder, denn schon stehe ich nämlich mit der Schulnote über 2 (oder 5, nach Schweizer System 😉 ) gar nicht sooo schlecht da.
Ich finde es ehrlich gesagt viel erfrischender, wenn im Zeugnis auch drinnen steht, was man meint. Natürlich ist es “verboten”, Negatives zu schreiben, deshalb wird das Negative jetzt freundlich ausgedrückt und alle sind glücklich. Wie schön – und dann entbrennen um die kleinsten Kommata und Bindewörtchen Rechtsstreitigkeiten, weil das in der Codierten Leseart nicht 2 sondern 4 bedeutet …

Sind wir mal ehrlich, wenn ich einem mittelmäßigen Mitarbeiter ein gutes Zeugnis ausstelle, tue ich niemandem einen Gefallen  (Stichwort Wahrheitspflicht) und es glaubt doch wohl niemand, dass gerade im Mittelstand beim ehemaligen Arbeitgeber auf telefonische Nachfrage nicht doch Klartext geredet. wird – ob erlaubt oder nicht
Mittlerweile sind auch in Deutschland einige Betriebe dazu übergegangen die Zeugnisse so zu verfassen, wie gemeint und dann auf die Nicht-Codierung hinzuweisen.
Dieses Vorgehen findet stets meine vollste Zustimmung!

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*) Das Zeugnis selber schreiben zu dürfen ist einerseits gar keine so dumme Idee, immerhin weiß der Mitarbeiter selbst, auf welche Leistung er besonders stolz ist und hat auch die Möglichkeit einmal selbst über sich nachzudenken, aber oft geschieht es eben aus 2 Gründen: 1. Faulheit und 2. Unsicherheit wegen der Formulierung. So kann ich als Chef den schwarzen Peter an den bald Ex-Mitarbeiter weitergeben, nicht gerade die feine Art.

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